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April 18, 2016
von concertjapan.eu
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Japan: Zwischen Kunst und Kitsch

Es kristallisiert sich bei näherer Auseinandersetzung mit Kunst- und Kulturbegriffen heraus, das der Europäer gerne etwas radikales, systemkritisches und schmerzhaftes als künstlerisch bedeutsam anerkennt. Kitsch ist im Westen nicht mit intellektueller Wertigkeit verbunden. Nur langsam zerbricht man sich im Westen die Köpfe über die philosophische und kulturelle Bedeutung von Kitsch. Kitsch wird im Westen noch nicht als Vehikel genutzt um Leichtigkeit zu transportieren, und Druck abzubauen.

Der Wille zum Kitsch ist in Europa eine meist heimlich ausgelebte Leidenschaft. Es ist schon klar das man die Diddl Maus Kollektion nur in Ausnahmefällen mit stolzgeschwellter Brust vorführt. Andernorts tut man das Gegenteil und erhebt den Kitsch zur tragenden Lebensphilosophie. So wie in Japan, denn dort ist kawaii voll angesagt. Kawaii bedeutet niedlich und es kann durchaus als Landesmotto aufgefasst werden. Kawaii hilft den Menschen sich auf die lieblichen Seiten des Lebens zu konzentrieren. In unseren Breiten denkt man zu aller erst an Mangafiguren, Hello Kitty, Pokemon und andere Anime Karaktere; mit von Kindchenschema geprägten Proportionen, und den daraus hervorgehenden Teenagern im Emostyle – die diese Stirnfransen und Puppenaugen Ästhetik in die reale Welt übertragen. Dabei geht es bei der Selbstinszenierung Japans um weit mehr als einen gesellschaftlichen Teilbereich. Alles nicht kulturell relevant? Ich glaube schon;

Das renommierte Institutionen wie das “Mak – Museum für angewandte Kunst in Wien“ eine Manga Schwerpunktausstellung organisiert, zeugt von einer generellen Anerkennung japanischer Ästhetik, und vom Einzug kulturell fremder Ausdrucksmittel, in die westliche Kunstwelt. Kultursoziologischen ist die kulturelle Bedeutung Japanischer Niedlichkeit ein Fingerzeig Richtung Zukunft. Es steht eine Philosophie hinter kawaii die aus europäischer Sicht irgendwie auch bedenklich ist. Europa glaubt an eine gnadenlose Enthüllungspolitik, japanisches kawaii ist Tarnung und Unbedenklichkeitserklärung in Reinform.

Ich selbst habe schon philosophische Mangas, historische sowie psychologische gelesen, Mangas in denen Hiroshima oder Fukushima aufgearbeitet werden. Ich habe mich immer gewundert wie spielerisch und beinahe naiv hier kritische Themen behandelt werden, wie abstrakt diverse Problematiken durch ihre Verniedlichung oder durch die “kawaiiness“ der Protagonisten erscheinen. Anders als in Europa angenommen, ist ein Manga weder unseriös noch reine Unterhaltung, es ist ein Information transportierendes Medium, und weniger als unsere Tageszeitungen einer Zensur unterzogen, Mangas bieten hiermit ernsthafte Plattform für jegliches Anliegen. Wenn auch durch die niedliche Aufmachung kritischer Themen quasi die Weichwaschung einer Causa erreicht wird. Alles ist gut, alles ist Pop; Japan ist ein Land voll inszenierter Freiheiten und perfektioniertem Regelwerk. Nippons cuteness macht nicht einmal vor Uniformen oder Behörden halt, sie ist ein wohlüberlegter Schachzug, das Prozac der Japaner ist diese inszenierte Niedlichkeit. Japan ist wie die allumfassende Einrichtung und öffentliche Zurschaustellung eines gigantomanischen Theaterstücks, in dem jeder seine Rolle kennt und kein Platz – und schon gar nicht die Notwendigkeit zur Interpretation besteht. Kawaii ist die fleischgewordene Truman Show, die perfekte Illusion vom kinderleichten und spielerischen Dasein.

Historisch betrachtet ist dieser Zugang zum Leben, zum Trading Binärer Optionen, zur Kunst, zu Kitsch und Pop keine Neuerung. Wohl kaum findet man irgendwo außerhalb Japans Ästhetik und Philosophie in Allem und das noch dazu in höchster Vollkommenheit, nichts ist dem Zufall überlassen, und wenn dann bitte in Form von Wu wei („Nichthandeln“ ) das praktisch den Weg und die Kunst des künstlich erzeugten Zufalls darstellt.

Es ist die Kunst des…
smile-100715_640Ikebana, Essens, Kochens, Bogenschießens, des Reiki, der genialen Gartenarchitektur und des Simplizismus, bei der es darum geht das Mu (jap. 無 – nichts) zu leben. Dinge tun, die den Anschein erwecken, sie wären nicht getan worden, sondern natürlich entstanden („Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“ ). Obwohl sich China und Japan hier teilweise der gleichen Philosophien bedienen, lebt man sie gänzlich unterschiedlich aus;
Von einem, in China an Ekelhaftigkeit grenzenden Umgang mit Lebensmitteln (und ich rede hier nicht von den Dingen die gegessen werden, dass ist schlicht Geschmackssache, sondern vom tatsächlichen Umgang mit dem Lebensmittel als Material), führt uns Japan zu einer Essen als Kunst Anschauung und zu einem beinahe sakralen Umgang mit den Zutaten. Pure Funktionalität ist eigentlich nicht vorhanden, Design und Ästhetik stehen immer im Vordergrund. 16 jährige Ausbildungen zum “Nudelschneider“ sind in Japan selbstverständlich, schließlich darf die Nudel genau 4mm breit sein, und immerhin darf man sich Meister nennen wenn man sich diese Fertigkeit in beinahe zwei Jahrzehnten angeeignet hat. Das benötigte Werkzeug (Soba-Messer), ist sehr wert- und kunstvoll, es gilt als verlängerte Hand, der Koch verwendet und pflegt die Messer jeden Tag. Mit dem Messer ist er so gut vertraut, das er problemlos schneiden kann ohne zu sehen. Er und die Messer sind unzertrennlich. Es ist außerdem keine Schande seinen Lebensunterhalt mit der perfektionierten Herstellung von Nudeln zu bestreiten, im Gegenteil der “Nudelmeister“ ist eine angesehene Persönlichkeit, die ästhetisch organisierte Interaktionen mit seinem Werkstoff ausführt, symbolische und emotionale Bedeutung stiftet, und daher Kommunikation, Kultur und Kunst ist.

Ästhetik ist der japanischn Kultur so intensiv eingeschrieben, dass ein Japaner niemals von Kunst spräche, wo ein feinsinniger oder in Kunst geschulter Europäer Vollkommenheit und die hohe Schule ästhetischer Interpretation erkennen würde, wenn er alltäglichen Ritualen in hoch künstlerischer Manier nachgeht. In Japan ist Leben Kunst (eine Grundeinstellung die wir uns in Europa mit Hilfe von Künstlern wie z.B. Joseph Beuys erarbeitet haben), und jeder ist Künstler, ohne das dabei von Kunst gesprochen werden würde, da es selbstverständliche ästhetische Mittel sind die hier praktiziert werden.

In Japan wird die Zeichnung hochstilisiert und vereinfacht zugleich, alleine schon in der Schrift, und auf alle Fälle in der informativen Darstellung von Dingen, sowie eben im Manga – das immer wieder dazu dient historisches und zeitgenössisches auf einen Nenner zu bringen, das sich der Stilmittel japanischer Tuschemalerei auf Seide und Papier bedient, und diese schlicht weg zur Moderne erklärt. Die Regel das ein einzelner Strich, eine einzelne Farbe, eine einzige Bewegung, mehr als die Menge des jeweiligen sind, zieht sich von japanischer Kalligrafie bis zur Gegenwart. So wie der “Nudelmeister“ diese eine Tätigkeit in kunstfertiger Weise ausführt, variationsarm – in europäischem Verständnis eintönig – und dennoch Zufriedenheit erlagt, durch den Grad an Vollkommenheit zu dem er beim schneiden der Nudel gelangt.

Es gibt in Japans Kultur kaum eine stilistische Veränderung, maximal haben sich die Werkzeuge verändert, der immer schon perfekte Umgang mit allen Materialien bleibt der gleiche wie eh und je. In vielem hat Japan die angestrebte Vollkommenheit bereits vor Jahrtausenden erreicht, was eine Neuerung in wenigen Bereichen nötig macht. Man kann getrost Töpferware, Schmiedekunst oder Kalligraphie als beständige Kulturgüter erachten, deren bereits erreichten Grad an Funktionalität und Ästhetik nicht zu übertreffen ist. Ist es gut in einem Land zu leben das sich auf eine rosa Wolke bettet, das Notwendigkeiten zu Kulturgut hochstilisiert, ein Land das künstlicher und vorgefertigter nicht sein kann? Warum nicht? Japans Kultur gründet sich auf allumfassende Perfektion, man will sie und man scheut sich nicht sie zu generieren.